Leerverkäufe einfach erklärt – mit Beispielen! Was steckt dahinter? Ist Short Selling gefährlich?

Börse Deutschland

Was bedeutet Leerverkauf?

Normalerweise kauft und hält man Aktien von Unternehmen, bei denen man eine rosige Zukunft sieht und demnach eine positive Kursentwicklung annimmt. 

Bei einem Leerverkauf ist die Annahme nun genau gegenteilig. 

Der Marktteilnehmer geht davon aus, dass die Aktienkurse des Unternehmens fallen werden. 

Er will nun aber nicht warten, bis die Notierungen im Keller sind, die Aktien dann billig kaufen und fortan auf steigende Kurse setzen sondern er will direkt von den fallenden Kursen profitieren. 

Und dazu gibt es einige Möglichkeiten, wie wir später noch lesen werden.

Long vs. Short gehen

Gerade Profis verwenden den Ausdruck Leerkauf eigentlich kaum. 

Vielmehr spricht man von long oder von long gehen, wenn man auf steigende Kurse setzt. Umgekehrt sagt man short oder short gehen, wenn man auf fallende Kurse setzt.

Long vs. Short - Aktien

Der Ursprung von Leerverkäufen

Der holländische Händlers Isaac Le Maire gilt weltweit als der erste Leerverkäufer.

1602 investierte mehr als 80.000 Gulden in die Niederländische Ostindien Kompanie. Da dieses Unternehmen 1609 wegen diverser Streitigkeiten keine Dividenden ausschüttete, entschied Le Maire, seine Anteile zu verkaufen. 

Er verkaufte aber mehr als er besaß und verdiente viel Geld damit, was schließlich zu einem temporären Verbot von Leerverkäufen führte, das aber wenige Jahre später wieder aufgehoben wurde und sich fortan als zulässige Handelstechnik etablierte.

Wie funktioniert ein Leerverkauf?

Wie verkauft man etwas, das man gar nicht besitzt? Eigentlich macht man das so, wie man es bei jedem anderen Gut im täglichen Leben auch machen würde.

Man „borgt“ sich die Aktie von jemanden aus, der sie besitzt (und derzeit nicht verkaufen will), bezahlt dem Besitzer eine kleine Prämie fürs Ausleihen (Verzinsung). 

Dann verkauft man die Aktie umgehend an der Börse und gibt sie demjenigen, der sie einem geborgt hat, später wieder zurück. 

Nämlich dann, wenn man kein Potential für weitere fallende Kurse mehr sieht. Wenn die Aktie zwischen dem Ausborgen und dem Zurückgeben gefallen ist, hat man Geld verdient. 

Ansonsten wird man sich mit einem Verlust eindecken.

Short Squeez

Squeez bedeutet zerquetschen und so ähnlich kann man dieses Phänomen auch verstehen. 

Ein short Squeez kommt dann zustande, wenn eine Aktie von besonders vielen Marktteilnehmern geshortet wird und es dann plötzlich zu einem starken Kursanstieg kommt. 

Die Ursache des Anstiegs kann mehrere Gründe haben und letztlich ist nicht relevant. 

Vielmehr zählt, dass die Leerverkäufer bei heftigen Kursanstiegen, bei denen sie natürlich Geld verlieren, nervös werden und so die Aktien am Markt dringend und teilweise auch um jeden Preis zurückkaufen müssen, um weitere Verluste zu verhindern. 

Damit steigern sie die Nachfrage, was zu einem Teufelskreis führen kann, denn damit treiben sie die Kurse nur weiter und schneller nach oben.

Die Uptick Rule

Im Zuge der großen Depression und der Börsenkrise von 1929 verfügte man, dass Leerverkäufe erschwert werden sollten. 

Man verbot daher das Short Selling dann, wenn eine Aktie gerade im Begriff war zu fallen.

Oder präziser ausgedrückt: die letzte Börsentransaktion (= Tick) einer Aktie musste über dem Kurs unmittelbar davor liegen um short gehen zu dürfen

Diese Regel wurde 2007 in den USA wieder aufgehoben und noch heute streiten Experten darüber, ob die Aufhebung dieser Regel für den massiven Kurseinbruch im Zuge der Finanzkrise mitverantwortlich war.

 

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Sind Leerverkäufe erlaubt?

Im Zuge der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 wollte man die Märkte stabilisieren und sprach ein temporäres Verbot von Leerverkäufen aus. 

Doch das Verbot wurde 2010 wieder gekippt. 

Allerdings beteiligten sich damals nicht alle Länder an dieser Maßnahme. 

2012 wurden die Bestimmungen erneut verschärft, in dem zum Beispiel Meldepflichten eingeführt wurden, wenn Leerverkäufe einen bestimmten Betrag übersteigen. 

Weiterhin hat beispielsweise die deutsche Bafin ungedeckte Leerverkäufe bei europäischen Aktien verboten.

Was sind ungedeckte Leerverkäufe?

Wie wir von weiter oben wissen, borgt man sich Aktien für das Short Selling. 

Von einem ungedeckten Leerverkauf spricht man dann, wenn man die Aktien verkauft bevor man sie geliehen hat. 

Das wäre theoretisch möglich, da man zwei Tage Zeit hat, Aktien zu borgen bevor man sie shortet. 

Das Problem liegt auf der Hand: man kann so viel mehr Leerverkäufe durchführen, als man Aktien besitzt und damit geht man ein hohes Risiko ein. 

Aus diesem Grund hat man in der EU diese Art von Leerverkäufen in der Zwischenzeit verboten.

Mit welchen Finanzprodukten kann man einen Leerverkauf durchführen?

Es gibt zahlreiche Finanzprodukte, mit denen man bei fallenden Kursen Geld verdienen kann. 

Zum Beispiel erlauben es Futures, auf fallende Kurse zu spekulieren. Neben Futures auf Aktien können so auch ganze Märkte wie beispielsweise ein Dax oder ein Dow Jones leerverkauft werden. 

Aber nicht nur Futures eigenen sich für Leerverkäufe, auch zahlreiche synthetische Produkte wie CFDs bieten sich für das Short Selling an.

Bei welchen Anlageklassen kann man einen Leerverkauf durchführen?

Short gehen kann man grundsätzlich bei allen Asset Klassen. 

Man kann Aktien-Indizes shorten, Rohstoffe, Kryptowährungen, Zinsen aber auch Aktien direkt. 

Bei Währungen kann man auch auf fallende Kurse setzen, allerdings werden Währungen so gut wie immer in Form von Währungspaaren gehandelt. 

Beispielsweise EUR/USD (US Dollar) oder EUR/CHF (Schweizer Franken). 

Das trifft natürlich auch auf alle anderen Weltwährungen wie den japanische Yen, das britische Pfund oder den schweizer Franken zu, um drei besonders wichtige Währungen aufzuzählen.

Auf fallende Kurse ohne eigentlichem Leerverkauf setzen – geht das?

Auch ohne direktem Short Selling kann man auf fallende Kurse setzen. 

Zum Beispiel gibt es Zertifikate oder Optionsscheine, bei denen man Geld verdient, wenn die Notierungen zurückgehen. 

Diese Produkte sind aber nicht in allen Ländern zum Handel zugelassen.

Leerverkäufe mit ETFs?

Grundsätzlich ist es möglich, mit einem ETF auf fallende Kurse zu spekulieren. 

Einerseits in dem man einen ETF, der eigentlich auf steigende Notierungen ausgelegt ist, wie eine Aktie shortet und damit einen direkten Leerverkauf durchführt. 

Darüber hinaus existieren auch sogenannte „Inverse ETFs“. 

Diese sind so konzipiert, dass sie „umgekehrt“ funktionieren und von fallenden Notierungen profitieren.

Fällt beispielsweise der US amerikanische S&P 500 Index um 1%, steigt ein Short ETF auf diesen Index (zb. Tickersymbol SH) um eben dieses eine Prozent. 

Dieses Finanzprodukt kann für Lösungen Sinn machen, die ein direktes Short Selling nicht erlauben. 

Weiterhin gibt es sogar zwei- oder dreifach gehebelte Short ETFs und als solches darf der SPXU (ProShares Ultra Short) genannt werden. 

Dieser ETF arbeitet mit dem Hebel 3. Fällt also der S&P 500 um 1%, steigt dieser ETF um 3%, ohne dabei short zu gehen.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es natürlich auch gehebelte long ETFs gibt, die dann eben bei steigenden Kursen von der Hebelwirkung doppelt oder dreifach profitieren. 

In diesem Artikel geht es nicht um die Vor- und Nachteile der Anwendung eines Hebels. 

Trotzdem sei gesagt, dass der Einsatz eines jeden Hebels mit äußerster Vorsicht zu sehen ist und das Hebelprodukte aller Art nur von sehr erfahrenen und risikobereiten Anlegern verwendet werden sollten.

Kann man auch Aktien leerverkaufen?

Ja. 

Um von fallenden Notierungen zu profitieren, muss man nicht auf hochriskante Finanzprodukte wie Optionsscheine oder CFDs ausweichen. 

Auch die Aktie selbst kann man bei vielen Brokern shorten.

Wie funktioniert ein Leerverkauf in der Praxis?

In der Praxis bekommt Händler, der Leerverkäufe tätigen möchte, den Prozess des Ausborgens und Zurückgebens gar nicht mit. 

Vor allem dann nicht, wenn er nicht besonders hohe Stückzahlen shortet. 

Er klickt einfach in der Handelsplattform seines Brokers statt „kaufen“ auf „verkaufen“ und da er die Aktie noch nicht in seinem Depot gehabt hat, ist er dann short positioniert und hat eine negative Aktienposition im Depot. 

In der Hedgefonds Branche, die diese Technik ebenso gerne anwendet, laufen beim Shorting richtige Deals ab, die auch teilweise telefonisch abgewickelt werden, denn die Stückzahlen sind dort weit höher und es sind oft einzelne Vereinbarungen zwischen großen Markteilnehmern, die dann aber auch den bereits genannten Short Squeeze befeuern können.

Leerverkäufe und Dividenden

Am Dividendenstichtag werden Aktien ex Dividende gehandelt und normalerweise sinkt der Kurs um genau jenen Prozentsatz der Ausschüttung. 

Daher könnte man nun annehmen, dass das short gehen über so einen Termin eine lukrative Handelstechnik ist. 

Dem ist aber nicht zwangsläufig so, denn ist man über einen Dividenden Stichtag short, profitiert man zwar vom Kursrückgang, muss der Short Seller – dem eigentlichen Besitzer der Aktien, von dem er sich die Wertpapiere ausgeborgt hat – diese Dividende aber rückerstatten.

Der Einfluss von Leerverkäufen auf den Markt

Am Dividendenstichtag werden Aktien ex Dividende gehandelt und normalerweise sinkt der Kurs um genau jenen Prozentsatz der Ausschüttung. 

Daher könnte man nun annehmen, dass das short gehen über so einen Termin eine lukrative Handelstechnik ist. Dem ist aber nicht zwangsläufig so, denn ist man über einen Dividenden Stichtag short, profitiert man zwar vom Kursrückgang, muss der Short Seller – dem eigentlichen Besitzer der Aktien, von dem er sich die Wertpapiere ausgeborgt hat – diese Dividende aber rückerstatten.

 

Das nennt man einen sogenannten Trading Halt, der in bestimmten Situationen an manchen Börsenplätzen wie beispielsweise der Nasdaq zur Anwendung kommt, wenn ein Einzelwert in einer bestimmten Zeitspanne um einen festgelegten Prozentsatz fällt. 

So ein Trading Halt kann auch mehrmals am Tag verhängt werden. 

Damit soll gewährleistet werden, dass eine Aktie nicht in wenigen Minuten ins Bodenlose stürzen kann.

Weiterhin dürfen große Institutionen wie Versicherungen oder Pensionskassen gar nicht short gehen und gerade diese Institutionen bewegen die Märkte mit ihren Milliarden. 

Privatinvestoren und überraschender Weise auch Hedgefonds spielen in Sachen Handelsvolumen weitaus weniger Rolle, als man vielfach annimmt.

Da viele Institute also gar nicht short gehen dürfen, ist für das Verständnis eines Leerverkaufs im Zusammenhang mit fallenden Märkten folgendes wichtig:

Aktien fallen nur dann besonders heftig, wenn alle großen Marktteilnehmer, die auf steigende Kurse gesetzt haben, ihre Papiere auf den Markt werfen (verkaufen) und in Cash gehen. Die Kurse fallen nicht, weil „alle plötzlich short gehen“ und Leerverkäufe absetzen.“

Sind Leerverkäufe gefährlich für den Anleger?

Leerverkäufe gelten weiterhin als gefährlich. 

Stimmt das? 

Theoretisch ja, denn eine Aktie kann, wenn man sie gekauft hat, maximal auf Null fallen und damit wertlos werden. 

Man verliert also im schlimmsten Fall sein Investment zur Gänze. 

Ist man short, kann sich die Aktie aber ver-x-fachen, was das Verlustrisiko auf mehrere hundert Prozente hochschraubt. 

In der Praxis besteht diese Gefahr maximal dann, wenn man Aktien von kleinen Nebenwerten shortet, oder wenn man auf Einzelereignisse wie Firmenübernahmen oder schlechte Nachrichten wettet, wo die Sache dann (gehörig) schief gehen kann.

Hält man sich hingegen an Blue Chips, also an die großen Aktiengesellschaften eines jede Landes, ist dieses theoretisch bestehende Risiko von mehreren 100% Verlust bei einem einzelnen Leerverkauf praktisch gleich Null. 

Oder anders gesagt – das Verlustrisiko ist nicht höher als wenn man long geht. 

Oder haben Sie schon häufig von einer Aktie aus dem Dax oder Dow Jones gehört, die von einen Tag auf den anderen um mehr als 100% gestiegen ist?

Leerverkäufe zur Risikoreduktion – klappt das wirklich?

Leerverkäufe können, und das mag jetzt überraschend sein, das Risiko einer Anlage reduzieren. 

Wie geht das? 

Gehen wir davon aus, dass wir ein Finanzprodukt vor uns haben, dass in die besten 10 Aktien aus dem US amerikanischen Dow Jones Index investiert, wie immer wir „die besten 10“ nun definieren. 

Jede Aktie bekommt 10% des zur Verfügung stehenden Kapitals zugewiesen und somit ist man zu 100% long. 

Kommt es nun zu einem breiten Markteinbruch, werden die 10 Aktien ebenso deutlich an Wert verlieren. Jetzt kann man aber mit einem Short Trade auf den Gesamtmarkt das Risiko reduzieren.

Eine Option wäre dabei, beispielsweise nur 80% des Geldes auf diese 10 Aktien zu verteilen und die verbleibenden 20% in einen short ETF zu stecken. 

Oder einen long ETF zu shorten. Verliert der Gesamtmarkt und damit vermutlich auch alle 10 Aktien, dann gewinnt wenigstens der ETF an Wert und man kann die Verluste etwas abmildern. 

Fachleute sprechen hier von Hedging, und hedgen bedeutet absichern. Auf der Hand liegt, dass die 20%, die im ETF stecken, bei steigenden Notierungen an Wert verlieren.

Eine wichtige Börsenregel lautet daher: Hedging kostet in den meisten Marktphasen Performance, weil die Aktien Märkte dazu tendieren, nach oben zu gehen.

Eine weitere Detail Option des vorhin genannten Beispiels ist es, 100% in die 10 Aktien zu stecken und 20% über einen Hebel in einen ETF zur Absicherung investieren. 

Man hebelt dann zwar das Konto, was langläufig als Hochrisiko Investment gilt, aber in diesem Fall reduzieren zwei angeblich sehr gefährliche Dinge (1. das Short Selling und 2. der Hebel) das Risiko der Anlage deutlich. 

Man muss daher genau nachfragen beziehungsweise hinsehen, wenn man Leerverkäufe von Haus aus schlecht redet, denn das sind sie nicht.

Short Selling bei Einzelwerten als Absicherung des Depots

Das Short Selling von Einzelwerten kann eine gute Strategie sein. 

Es eignet sich aber keinesfalls zur Absicherung (Hedging) eines Depots. 

Viele Anleger denken, wenn sie eine Strategie verfolgen, die short und long geht, sind sie im Falle eines Börsencrashes abgesichert. 

Sie vergessen aber, dass ein (möglicher) Short Trade bei einem Einzelwert das Risiko nicht reduziert. 

Möglicher Short Trade deswegen, weil eine Strategie, die teilweise auf steigende und auf fallende Kurse bei unterschiedlichen Aktien setzt, nicht zwangsläufig auch gleichzeitig long und short Trades im Depot haben muss.

Was nützt es also, wenn man eine Strategie hat, die theoretisch auch short geht, wenn gerade kurz vor einem Crahs keine Short Trades im Depot sind? 

Man ist also long only und die Märkte fallen massiv. 

Dann hilft es wenig, dass man auch short Trades machen würde, wenn es aktuell keine gibt.

Noch ein anderes Beispiel: wenn es ganz schlecht läuft ist man beispielsweise gleichzeitig bei 8 Aktien long und bei 2 Aktien short. 

Der Markt crasht. 

Die 8 long Trades verlieren massiv an Wert. 

Aber jene zwei Aktien, bei denen man short ist, die steigen und man verliert erneut – trotz Leerverkäufen und Börsencrash. 

So eine Situation ist nicht konstruiert sondern durchaus in der Praxis denkbar, weil es bei einem Crash immer wieder Aktien oder ganze Sektoren (Pharma, Rohstoffaktien, Rüstungswerte, Versorger etc.) geben kann, die sich dem Abwärtsdruck widersetzen. 

Short Strategien, die man für Absicherungen einsetzt, sollten also immer auf den Gesamtmarkt angewendet werden, aus dem die Long Aktien Positionen der Strategie stammen.

Das Fazit bei Leerverkäufen

Leerverkäufe können Sinn machen, wenn man sie richtig anwendet.

Das Risiko ist in der Praxis nicht wesentlich höher als bei steigenden Kursen, vor allem dann nicht wenn man sich an Blue Chips orientiert. 

Leerverkäufe lösen auch keinen Börsencrash aus. 

Sie verstärken ihn vielleicht temporär, tragen andererseits aber auch zur Stabilität der Märkte bei und gewährleisten Liquidität in beide Handelsrichtungen. Leerverkäufe machen also durchaus Sinn und sollten daher immer neutral und nicht emotional bewertet werden.

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